Norfolk I - Cley Marshes

Wie schon vor ein paar Wochen versprochen kommt hier der erste Blogartikel zu meinem Norfolk - Birding Urlaub. Ich starte mit meinem momentanen Favoriten unter den englischen Vogelbeobachtungsgebieten, den Cley Marshes. Das von den Gezeiten abhängige Feuchtgebiet an Norfolks Nordküste ist ein ausgezeichnetes Gebiet zur Beobachtung von Limikolen - oder anders gesagt der Himmel auf Erden für jeden Vogelbeobachter aus dem tiefen Binnenland.

 

Wer - wie ich - nicht auf ein Auto zurückgreifen kann (oder will), wird allerdings zunächst auf ein nicht zu unterschätzendes Problem stoßen, nämlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Ort der Begierde zu gelangen. Hier sollte ich bemerken, dass der öffentliche Nahverkehr jenseits der größten Stadt des Countys, Norwich, nur ungenügend ausgebaut ist. Ich skizziere kurz den von mir gewählten Weg, vielleicht ist es dem ein oder anderen noch von Nutzen: Zunächst nimmt man den Zug von Norwich zur Kleinstadt Cromer an der Nordsee und steigt dort in einen der Coasthopper Buse, welche entlang der Nordküste fahren und auf Wunsch direkt am Reservatsparkplatz halten (einfache Strecke komplett etwa 2 h Fahrzeit). Klingt zwar simpel, ist in der Realität aber wesentlich komplizierter, da die Busse eigentlich immer um die 15 Minuten verspätet sind und dies dazu führen kann, den nächsten Zuganschluss zu verpassen.

 

Am Parkplatz angekommen kann man leider noch nicht direkt mit dem Vögel Beobachten loslegen, sondern muss sich zunächst im Besucherzentrum eine Erlaubnis erkaufen, die "Hides" (Beobachtungshütten) und Wege im Schutzgebiet nutzen zu dürfen. 4,5 Pfund sind nicht billig, aber ihren Preis wert, denn man erhält somit Zugang zu sechs verschiedenen Hides, die entlang eines zwei Meilen langen Rundwegs gelegen sind (~ 3,5 km).

 

Karte des Gebiets von einem Flyer abfotografiert (Hides am "North Scrape" und am "East Bank" nicht eingezeichnet)
Karte des Gebiets von einem Flyer abfotografiert (Hides am "North Scrape" und am "East Bank" nicht eingezeichnet)

Nun zum Kern des Artikels - meinen Beobachtungen in Cley. Ich werde versuchen, mich kurz zu halten, auch wenn es wegen meiner Begeisterung über dieses Gebiet nicht ganz einfach ist. Los gehts.

 

Limikolen: Wie bereits erwähnt sind die Cley Marshes mit über 50 nachgewiesenen Arten ein wahres El Dorado for Watvögel. Zwar waren die Rastzahlen laut einiger regelmäßiger Besucher unterdurchschnittlich, aber trotzdem musste ich an keinem Tag mit weniger als 15 Limikolenarten auskommen (so etwas wäre in Franken ein wahrer Traumtag). So konnte ich endlich einige Lücken füllen, z.B. mit meinem ersten Sichelstrandläufer, meinen ersten Knutts und meinen ersten Austernfischern. Schön an Cley ist, dass sich dank der Hides viele Limikolen auch aus geringer Distanz beobachten und so schön studieren lassen.

 

Weil das gesamte Feuchtgebiet von den Gezeiten abhängig ist, variiert die Zusammensetzung und die Konzentration der Limikolen. Trotz dessen empfand ich den Bishop's Hide bei allen meinen Besuchen als lohnendsten Beobachtungsunterstand, da man einen ausgezeichneten Überblick über Pat's Pool hat, wo sich während meiner vier Besuche die meisten Watvögel aufgehalten haben.

 

Ein klein wenig ärgerlich war ein Weißbürzel-Strandläufer, in Deutschland eine extreme Ausnahmeerscheinung, der just an dem Tag das Gebiet besuchte, an dem ich mich für ein wenig Abwechslung entschieden hatte und nicht nach Cley gekommen bin. Man kann eben nicht alles haben.

Möwen und Seeschwalben: Auch für diese Vogelgruppe ist das Frankenland nicht unbedingt der beste Beobachtungsort und so wollte ich in Norfolk die Zeit nutzen, diese genauer zu beobachten. Silber- und Heringsmöwe sind bei uns im Norden Bayerns beispielsweise beinahe Seltenheiten, dort jedoch fast omnipräsent. Die monströsen Mantelmöwen dagegen sind schon merklich seltener (besser weniger häufig), auch wenn ich sie nicht nur in Cley beobachten konnte. Interessant war für mich, dass die bei uns im Binnenland häufigste Großmöwe, die Mittelmeermöwe, in Norfolk scheinbar recht selten ist, da die meisten englischen Beobachter sehr glücklich wirkten, die wenigen anwesenden Exemplare beobachtet zu haben.

 

Da das Gebiet möwen- und seeschwalbentechnisch keine Wünsche offen ließ, konnte ich Möwen verschiedener Arten aller Altersgruppen gut mit einander vergleichen und einiges über die Möwenbestimmung lernen. Besonders lehrreich war eine Großmöwe, auf die mich ein anderer Beobachter aufmerksam gemacht hatte. Sie schien im Feld einiges von einer Steppenmöwe zu haben, wofür u.a. scheinbar dunkle Augen und eine allgemein langgestreckte Figur sprachen. Allerdings war für diese Art der Rücken zu dunkel und auch die Beine zu kurz. Nachdem ich nun meine Bilder gecheckt habe, bin ich der Auffassung, eine Heringsmöwe gesehen zu haben. Darüber werde ich aber vermutlich in einem eigenen Artikel noch berichten.

 

Ein weiteres Highlight war eine Partie Seawatching am Meer, also Zugvogelbeobachtung von Seevögeln. Mit Hilfe zweier anwesender Beobachter konnte ich so meine ersten Schmarotzerraubmöwen entdecken. Die beiden gaben mir außerdem eine kurze Einleitung in die Bestimmung von Seeschwalben auf große Entfernung, wodurch Fluss-, Brand- und Zwergseeschwalbe kurz darauf auf meine Englandliste kamen. 

 

Über meine sonstigen Sichtungen werde ich natürlich nicht so detailliert schreiben, es wäre einfach zu viel. Cley konnte nämlich mit buchstäblich allem aufwarten, was ein durchschnittlicher Birder sich wünscht, mit Schilfvögeln wie etwa der Bartmeise, einer breiten Entenpallette aber auch mit Schreitvögeln wie Löfflern und Seidenreihern. Summa summarum bekommen die Cley Marshes von mir eine klare Besuchsempfehlung.  Wer weiß wie das ganze an vier Tagen im Höhepunkt des Vogelzugs ausgesehen hätte?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0